Das Musikfest in Waltenhofen

Waltenhofen, 26. Juli
    Das sehnsüchtig erwartete Musikfest ist endlich gekommen und auch schon wieder vorbei. Seit mehr als einer Woche hatten fleißige Hände Kränze gewunden, um unser Dörflein schön auszustatten, bis die vielen Gäste kommen. Und in der Tat kamen Sie. Schon am Samstag war von nachmittags 3 Uhr an die Halle besetzt, alles wollte das Wettspiel mit anhören. Was man da gehört hat, das war wirklich großartig. Wenn man sich vergegenwärtigt, was auf dem Lande draußen vor 20 oder 30 Jahren geleistet worden ist, und man erinnert sich auch noch an die Bilder und Witze über ländliche Blechmusiken in den "Fliegenden Blättern", und betrachtet auf der anderen Seite das erzielte Resultat, muß man staunen über den ungeheuren Fortschritt. Der greise Musikdirektor Högg mußte nach der Vorführung der "Zauberflöte" selber sagen: "Wenn man auf dem Lande die Zauberflöte so spielt, so muß man den Hut abnehmen."

Ergebnisse des Wertungsspiels

Klasse C  (schwere Musik)

Füssen 144 Punkte, 1a, Egmont-Ouvertüre
Obergünzburg 144 Punkte, 1a, Tell-Ouvertüre
Pfronten 133 Punkte, 1a, Thannhäser
Oberbeuren 128 Punkte, 1a, Zauberflöte
Dietmannsried 125 Punkte, 1a, Egmont-Ouvertüre
Tiefenbach 117 Punkte, 1b, Titus-Ouvertüre
Missen-Wilhams 111 Punkte, 1b, Tannhäser

Klasse B (mittlere Musik)

Illertissen 135 Punkte, 1a, Soldatenleben
Lechaschau 135 Punkte, 1a, Indra-Ouvertüre
Altusried 134 Punkte, 1a, Orpheus-Ouvertüre
Vorderburg 133 Punkte, 1a, Martha-Ouvertüre
Buchenberg 129 Punkte, 1a, Riva
Unterthingau 128 Punkte, 1a, Fabeltanz
Wiggensbach 127 Punkte, 1a, Nabucco-
                 Ouvertüre
Kempten (Gewerkschaftskapelle) 127 Punkte, 1a
                 Ungarischer Tanz Nr. 5
Lamerdingen 126 Punkte, 1a, Lohengrin
Obenhausen 126 Punkte, 1a, Die beiden
                  Saboharben
Kempten (Blechmusik) 123 Punkte, 1a,
                 Freischütz-Ouvertüre
Immenstadt 120 Punkte, 1a, Thannhäser
Hopferau 114 Punkte, 1b, Gebet von Lohengrin
Hindelang 101 Punkte, 1b, Zukunftsgeist
Lindenberg i. Allg. 98 Punkte, 1b, Orientalische
                 Lustspielouvertüre

Klasse A (leichte Musik)

Durach 130 Punkte, 1a, Militär-Ouvertüre,
                  Zwider
Kempten (Lehrlingskapelle) 116 Punkte, 1a,
                 Opernrevüen
Sontheim 113 Punkte, 1a, Frühlingserwachen
Schrattenbach 112 Punkte, 1a, Militär-Ouvertüre,
                  Zwider
Bernbeuren 107 Punkte, 1b, Geist der Insel, Ouvertüre
Probstried 101 Punkte, 1b, Erntefest-Ouvertüre
Stein 102 Punkte, 1b, Olympia-Ouvertüre

Am Abend des Samstag vereinigte sich fast ganz Waltenhofen, um die Gäste zu grüßen, die schon an diesem Tage so zahlreich erschienen waren. Von den 29 Kapellen, die an Wettspielen teilnahmen, haben 14 schon am Abend ihr Bewertungsspiel vorgetragen. Die Gesangvereine Waltenhofen und Hegge sangen zusammen: "Gott grüße dich" unter Leitung des Herrn Hauptlehrers Baur von Hegge, während den andern Männerchor, "Sängers Heimat" von Kammerlander, mit Blechmusikbegleitung, Herr Lehrer Zid dirigierte. Nach einer kurzen Begrüßungsrede des Herrn Arnold erfaßte alle Anwesenden eine so wundersame, fröhliche Stimmung, wie sie nicht leicht beobachtet wird. Denn alles hatte es im Gefühl; es geht gut. Da haben die Kapellen bis in die späten Nachtstunden abwechselnd aufgespielt, Marsch auf Marsch, wie man es wollte.
    Die zwei Riesenhallen, die schon am Samstag voll waren, sahen am Sonntag einen ungeheuren Besuch. Es hätten vier solche Hallen sein dürfen. Schon um 6 Uhr saßen die Preisrichter wieder auf ihren erhöhten Platz gegenüber der Bühne, und das Wettspiel nahm seinen Fortgang. Es überraschte noch mehr als am Samstag, weil da einige große Kapellen durch ihr wunderbares Spiel auffielen. Um 10 Uhr schon konnte Herr Wegmann Joseph, als Vorsitzender des Festausschusses kundgeben, daß das Bewertungsspiel zu Ende sei.
    Der Festausschuß und die Fahnensektionen holten nun den Herrn Pfarrer Straub in feierlichem Zuge vom Gotteshaus ab auf die Festwiese zur Feldmesse. Hierzu hatte die Kapelle Waltenhofen die Musik übernommen.

Der Festzug

    um 2 Uhr bot ein buntes Bild. Musik und Festausschuß und die vielen Festjungfrauen im bunten Durcheinander. Voraus drei Herolde in historischer Tracht, die Preisrichter und der Ehrenvorsitzende des Festausschußes, Herr Bürgermeister Hengeler, im Landauer, der Festwagen der Trachtler: eine Almhütte, von vier schönen Pferden gezogen, besetzt: mit Sennen und Sennerin, dahinter eine lebendige Geiß und deren Herr Gemahl und der Geißbua - ein reizendes Bild! Weiter hinten im Zug der Festwagen des Männergesangvereins Hegge: ein Transparent mir der Inschrift "Das deutsche Lied" auf einem bekränzten Wagen, an dessen Verzierung fleißige Hände tagelang gearbeitet hatten, vorn weißgekleidete Mädchen, in zweiten Teil Sänger in der Tracht, Turner an den vier Ecken des Wagens, und dazu vier Minnesänger und zwei Minnefräulein in der Tracht des Walters von der Vogelweide. Ein prächtiges Bild, jedes Kostüm  (geliefert von der F. Wittköpper, Kempten) eine andere Farbe: Vergangenheit und Gegenwart verbunden in der Freude am deutschen Lied, das war der sinnige Gedanke!

Begrüßung und Festrede

    Auf den Festzug folgte die Begrüßung durch die Gemeinde durch Herrn Bürgermeister Hengeler, dann die Festrede, gehalten von Herrn Hauptlehrer Baur, Hegge. Wir entnehmen ihr folgendes:
    Der Gründer der Kapelle Waltenhofen war der Lehrer Wilhelm Brehm in Waltenhofen (von 1853 - 1870). Mit  seiner jungen Kapelle konnte er 1856 das erstemal öffentlich auftreten. 1868 schon 15 Mann stark. Nächster Dirigent war Matthias Immler von Leutenhofen, hernach Max Brehm, der Sohn des Gründers, dann Musikmeister Heninger, von 1892 - 1902, von 1902 - 1924 an führt Meister Anhut von Kempten den Taktstock und hat die Kapelle auf 25 Mann erhöht.
    Die Bedeutung der Musik ist ungeheuer; sie wirkt auf Herz und Gemüt. Tausende geben viel lieber Geld aus für Musik als für Bücher. Darum ihr ungeheurer Einfluß. Ebenso groß ist ihre Bedeutung für die Nation. Die Musik setzt die Grenzen oft noch enger als die Sprachen, scheidet schon Landsmannschaften - man vergleiche einmal Münchner und Wiener Musik! -, sie zeigt die Verschiedenheiten im Volkscharakter, um aber doch wieder zu einen zur deutschen Auffassung gegen andere. Sie holt ihre Stoffe aus der Geschichte des Volkes, macht ihren ganzen Sagenschatz lebendig und führt die Menschen durch Töne und rauschende Akkorde in die Märchenwelt! Was haben wir denn gehört in diesen Tagen? Tannhäuser, Lohengrin, Tell usw. Die Musik ist dabei wo deutsche Sitet und Art herrscht. Eine solch vergeistigte Musik versteht aber auch nur ein hochstehendes Volk, daseben durch die Musik  auch so hoch gebracht worden ist. So ist Sie ein Kulturfaktor, ein Mittel zur Volksbildung und Veredelung.
    Jeder Musiker sei sich seiner hohen Aufgabe bewußt und übe dauernd an seiner Vervollkommnung.
   Der Massenchor war ein Hochgenuß. So viele Bläser! Das war eine Wucht: "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!" Da hat man erst gefühlt, was Beethoven hineinlegen wollte.
    Auf den offiziellen Teil folgte gemütliche Unterhaltung, die durch den ungeheuren zudrang von Menschen fast ungemütlich wurde. Von einer Bedienung konnte keine Rede mehr sein. Alles drängte zur Tribüne und wollte zu den Kapellen, deren einheitliche Uniformierung übrigens sich sehr nett machte. Besonders vielen die Lechaschauer auf, die die wehende Hahnenfeder auf dem Hute trugen. Sie wurden schon als Brüder aus Tirol besonders herzlich begrüßt und bejubelt, und erst recht nach ihrem glänzenden Spiel!
    Alles in allem: es waren herrliche Tage! Sie waren die Mühen der Vorbereitung wert. Mögen Sie auch die Früchte tragen, die alles von ihnen erhofft, wie der Festredner sagte: für unsere schöne Allgäuer Heimat und unser deutsches Volk.

 

(Bericht Allgäuer Zeitung 26.07.1926)

 


die drei Herolde in historscher Tracht


Festwagen der Trachtler "die Almhütte"


Festwagen Männergesangsverein Hegge "das deutsche Lied"

Höhepunkte  Chronik